30.09.2020: Teilhabe als Leitbegriff selbstbestimmter Lebensführung – eine wissenschaftliche Begriffsbestimmung

05.10.2020 Teilhabe als Leitbegriff wird in sozialpolitischen Handlungsfeldern unterschiedlich verstanden und im politischen und gesellschaftlichen Diskurs vieldeutig verwendet.
Jutta Henke, die die GISS im 2015 gegründeten „Aktionsbündnis Teilhabeforschung“ (https://www.teilhabeforschung.org) vertritt, war in einer Redaktionsgruppe aus fünf wissenschaftlichen Einrichtungen daran beteiligt, Grundlinien eines wissenschaftlichen Begriffsverständnisses für die anwendungsorientierte Forschung zu erarbeiten. Die nun erschienene Handreichung „Teilhabe – eine Begriffsbestimmung“ eröffnet eine Schriftenreihe „Beiträge zur Teilhabeforschung“.

Für die Forschung zu Lebenslagen von Menschen mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen bildet der Teilhabebegriff seit längerem einen gemeinsamen Bezugspunkt. Ausgehend von der deutschen Fassung der UN-Behindertenrechts­konvention (UN-BRK, 2006) wurde Teilhabe im Bundesteilhabegesetz (2016) für Rehabilitation und Eingliederungshilfe rechtlich normiert. Inzwischen wandelt sich der Teilhabebegriff auch in anderen Rechtskreisen von einer diskursiven Figur zum anspruchsbegründenden Rechtsbegriff. Die Autor/inn/engruppe gibt in ihrer Veröffentlichung zunächst einen knappen Überblick über Gemeinsamkeiten und Unterschiede des Begriffsgebrauchs in den verschiedenen sozialpolitischen Handlungsfeldern. Unterschiedlich wird vor allem die Frage beantwortet, wie viel Teilhabe sozialstaatlich zu sichern sei – das Spektrum reicht von einem „Mindestmaß“ (Grundsicherung) bis zur „vollen“ Teilhabe im Sinne der UN-BRK.

Muss die normative Frage nach dem zu gewährleistenden Maß an Teilhabe Gegenstand gesellschaftlicher und politischer Aushandlung bleiben, verstehen die Autor/inn/en es als wissenschaftliche Aufgabe, das „Was“ und „Wie“ der Teilhabe näher zu bestimmen. Für eine sozialwissenschaftliche Fundierung greifen sie auf drei konzeptionelle Bezugspunkte zurück: das biopsychosoziale Modell von Behinderung und Gesundheit, den Lebenslagenansatz und das Konzept der Befähigung (Capability).

Aus der sozialpolitischen Begriffsverwendung und den Theoriebezüger rekonstruiert die Autor/inne/ngruppe einen Begriffskern von Teilhabe: Die Wechselbeziehung zwischen persönlichen und gesellschaftlichen Faktoren, die subjektorientierte Perspektive, die Orientierung auf individuellen Spielraum und Wahlmöglichkeiten, Mehrdimensionalität, gerechte Verteilung und zu schützende Möglichkeitsräume.

Die dem Teilhabebegriff verwandten Begriffe der Partizipation, der Inklusion und Integration werden in ihrer Beziehung zu dem so bestimmten begrifflichen Gehalt von Teilhabe diskutiert.

Ein Schlussabschnitt behandelt Konsequenzen der Begriffsklärung für Teilhabe als Forschungsperspektive: An der Leitidee von Teilhabe orientierte Forschung umfasst Grundlagenarbeit am Begriff ebenso wie Untersuchungen zur praktischen Herstellung von Teilhabe, und sie identifiziert gesellschaftliche Barrieren, die dem entgegenstehen. Sie sucht Daten zur Entwicklung individueller Teilhabe zu gewinnen und beteiligt Menschen mit Teilhabeeinschränkungen über alle Phasen des Forschungsprozesses.

Angaben zum Buch: Bartelheimer, P., Behrisch, B., Daßler, H., Dobslaw, G., Henke, J., Schäfers, M. (2020). Wiesbaden: Springer VS. ISBN 978-3-658-30610-6.